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Die Roten Gitarren aus Polen in der dritten Generation
Keine Atempause
Es war zwischen 11.00 Uhr und 14.30 Uhr, als sich am 3. Januar 1965 im "Cafe Crystal" im Danziger Bezirk Wrzeszcz fünf junge Musiker trafen und die Band Czerwone Gitary (Rote Gitarren) gründeten. Unter dem Titel: "Wir spielen und schreien am lautesten in Polen" begannen sie ihre musikalische Karriere. "Schreien" kam jedoch nicht durch die Zensur und wurde durch "singen" ersetzt. Die polnischen Medien reagierten zunächst gleichgültig auf solche "Modeerscheinungen, die wohl bald vergehen würden", erzählte Mitbegründer und Drummer, Manager und Leader der Band, Jerzy Skrzypczyk, rückblickend. Doch die Popularität dieser neuen Musikrichtung war mit dem Welterfolg der Beatles nicht mehr zu stoppen. Der Beat hatte nun auch in Polen Fuß gefasst, und es waren die Roten Gitarren (nach ihren rotfarbenen Gitarren benannt), die als die polnischen Beatles gefeiert wurden. Die ganze Struktur der Gruppe war mit der der Band aus Liverpool durchaus vergleichbar: ähnliche Kleidung, vergleichbare Persönlichkeiten der Musiker, der Musikstil, eigene Songs, und wie bei den Beatles hauptsächlich von einem Komponisten-Duett (Lennon/McCartney - Krajewski/Klenczon) geschrieben. Die Polen reagierten auf die Roten Gitarren ähnlich wie die Briten auf die Beatles. Weibliche Fans fielen bei den Konzerten vor Begeisterung regelmäßig in Ohnmacht. Ebenso nahmen die heftigen emotionalen Ausbrüche dort unkontrollierbare Formen an: "Wir mussten die Türen unserer Umkleidekabinen vor weiblichen Fans verbarrikadieren", berichtet Jerzy Skrzypczyk. Dann waren da noch die vielen hinterlassenen Sachen wie Damenbekleidung - und nicht unbedingt nur Oberbekleidung.
"Ihre Musik hatte den richtigen Schwung. Man konnte leicht mitsingen, tanzen und fröhlich sein", beschreiben sie ihre Fans. Es sind Songs mit einfachen Melodien, mit Beat, polnischer Folklore und einem Schuss Romantik. Und sie sind sich treu geblieben, haben ihren Musikstil beibehalten. Nostalgisch geht es heute auf den Konzerten zu, auf denen etwa 85 Prozent der Songs aus dem alten Repertoire stammen.
Schwerer als ihre Kollegen in England hatten es die Roten Gitarren allemal. Anfangs konnten Jerzy Skrzypczyk und Serweryn Krajewski, damals Schüler der Musikoberschule Danzig, nicht unter ihrem richtigen Namen auftreten. Denn es war den Schülern verboten, Beatmusik zu spielen. Als ihre wahre Freizeitbeschäftigung bekannt wurde, flogen sie von der Schule. "Doch betrachteten wir das eher als eine interessante Episode denn als ein Hindernis in der Bandtätigkeit", so der Bandleader.
Von einer derart steilen Karriere konnten andere Bands nur träumen. Schon in den ersten Wochen kamen zu ihren täglichen Auftritten im Zoppot-Klub "Non-Stop" an der Ostseeküste jeweils 1000 Leute. Bald schon begannen Rundfunk und Fernsehen mit ersten Aufnahmen. Noch im Gründungsjahr kam die erste Single raus. Bereits 1966 erschien die erste LP, die mit einer Erstauflage von 160.000 Stück, in nur zwei Tagen produziert, ein Supererfolg wurde. Auch die folgenden Alben erschienen in Rekordauflagen und wurden durchweg vergoldet.
Die ersten Hits, dem deutschen Publikum weitgehend unbekannt, waren: "Bo ty sie boisz myszy" (Du hast Angst vor einer Maus), "Historia jednej znajomosci" (Die Geschichte einer Bekanntschaft) und "Matura" (Das Abitur). Ob es Angebote aus dem Westen gab?
"Aus dem westlichen Ausland, politisch gesehen, selten jedoch aus dem westlichen Ausland, geographisch gesehen, oft, hauptsächlich aus der DDR", erzählt Jerzy spaßig. Der Auslandserfolg ließ aber nicht lange auf sich warten. 1969 traten sie in Cannes (Frankreich) auf dem Midem-Festival am gleichen Tag wie die Beatles auf, wobei beide Bands die Midem-Trophäe überreicht bekamen, als Preis für die in ihrem Heimatland größte Anzahl an verkauften Platten. Noch im selben Jahr bekam die Band, ebenfalls in Cannes, einen Preis vom amerikanischen Magazin "Billboard". Ab 1970 gibt es einschneidende Veränderungen. Die Band verschwindet für lange Zeit von der polnischen Bühne. Krzysztof Klenczon geht in die USA und setzt seine Karriere als Musiker fort. 1981 stirbt er dort an den Folgen eines schweren Autounfalls. Die Roten Gitarren verlagern ihre Arbeit ins Ausland, insbesondere in die DDR: "Unsere Popularität war hier so groß, dass eigentlich alles der Arbeit in der DDR untergeordnet war." So erschienen in der DDR viele Alben und Songs auf Samplern in deutscher Sprache und wurden dort unzählige Konzerte gegeben. Bekannt wurden sie mit ihren Ohrwürmern "Anna Maria", der Story über das Mädchen mit den traurigen Augen, "Draußen bei den Weiden" oder "Weißes Boot". Anfang der 80er Jahre verschwanden sie von den DDR- Bühnen.
Es folgten viele Konzerte in den USA. 1990, das Jahr des Comebacks in Polen, fällt mit dem 25-jährigen Bestehen der Band zusammen und ist Anlass zu einer Mammut-Konzertreihe. Zunächst 36 Auftritte geplant, wurden es dann fast 500 Konzerte innerhalb von drei Jahren. Ein Rechtsstreit um den Namen der Band wirft jedoch vorübergehend einen Schatten auf die Gruppe. Serweryn Krajewski, der 1997 die Band verließ, wollte gerichtlich durchsetzen, dass der Name Czerwone Gitary nicht mehr benutzt werden darf. Der Antrag wurde vom Amtsgericht Warschau zurückgewiesen. 1999 kam das erste Album nach 24 Jahren raus, das sofort wieder vergoldet wurde. Zwei weitere folgten. Auffällig ist, dass das Charakteristische sowie die melodische Linie beibehalten wurden. Schließlich wählten die Leser der polnischen Wochenzeitung "Polityka" die Roten Gitarren 2000 zur besten Musikgruppe des 20. Jahrhunderts. 1m Mai 2004 traten sie aus Anlass des EU-Beitritts der zehn neuen Länder als einzige polnische Band auf einem Galakonzert in Dresden auf. Und es gab weitere Auftritte in Deutschland, aber auch in den USA. Sie spielten u.a. im November 2001 vor 14.000 Zuschauern in der Arena in Oberhausen, 2006 in Cottbus.
"Wir ruhen uns nicht aus", heißt der Titel eines Buches von Autor Marek Gaszynski, welches kürzlich in Polen erschien. Und genau nach diesem Motto planen Czerwone Gitary die Zukunft. Jerzy Skrzypczyk möchte in der nächsten Zeit eine Formation von jungen Musikern bilden, die unter dem Namen Czerwone Gitary das bisherige musikalische Schaffen kultivieren und somit die weitere Geschichte der Band fortschreiben. Das Patronat darüber wird die Firma Czerwone Gitary Group übernehmen. In den 42 Jahren hat sich die Besetzung mehrmals geändert. Heute besteht die Band aus drei Musikergenerationen. Von den Anfangsmitgliedern sind noch Jerzy Skrzypczyk, Jerzy Kossela und Henryk Zomerski dabei. Für die mittlere Generation steht Mietek Wadolowski, die jüngste bilden Arek Wisniewski und Marek Kisielinski. Wie fühlt man sich nach einer so langen Karriere? "Phantastisch", sagt der Bandleader. Das nächste Album ist in Vorbereitung und wird 2008 erscheinen.
Volker Voss
SBB 13.05.2008



Die beiden SBB Gründungsmitglieder Józef Skrzek, Apostolis Antymos und das neue ungarische Bandmitglied Gábor Németh im folgenden Volker Voss Interview:
Wie habt ihr es geschafft, die beste Rockband Polens seit über 45 Jahren zu sein?
Józef Skrzek: Das beruht natürlich auf der Einschätzung des Publikums. Bereits in den Siebzigern waren SBB ein Symbol für Freiheit. Wir brachen bei unseren Konzerten in Osteuropa sinnbildlich durch alle Mauern, was für uns eine Art Freiheit bedeutete. Besonders wichtig ist für uns der Kontakt zum Publikum. Und viele Menschen erinnern sich noch daran. In den USA beispielsweise galten wir unter der Kategorie Symphonie Rock als absolute Topband. Und wir sind unserem Stil treu geblieben.
Ihr habt die polnische Rockmusik revolutioniert. Wie gelang es euch das?
Józef Skrzek: Damals während meiner Jugendzeit in der polnischen Provinz Schlesien war es mein Traum, in die Welt hinaus zu gehen. Dann traf ich einige einfache Musiker mit großen Visionen. Wir taten uns zusammen und entwickelten unsere Ideen, manchmal im Geheimen, manchmal im Haus meiner Familie. Nach einigen Monaten fingen wir an, Musik zu machen. Wir nahmen unsere ersten Lieder auf, darunter auch den Song Memento. Das war ein völlig neuer Stil.
Apostolis Antymos: Unsere Musik war eine Art Manifestation für die Freiheit. Wir wollten einfach frei sein. So verbreiteten wir den Gedanken der Freiheit mit unserer Musik und den Texten. Wir hatten schließlich die Möglichkeit, die Grenze zwischen Ost und West zu überqueren und sahen die Unterschiede, wie die Menschen lebten und wie sie Musik wahrnahmen.
Ihr wurdet oft als die Pink Floyd des Ostens beschrieben?
Apostolis Antymos: Diese Einschätzung ist nicht ganz richtig. Denn wir spielten viele verschiedene Stilrichtungen. Genauer genommen war unsere Musik vielschichtiger als die von Pink Floyd. Und was das Organisatorische anbetrifft, hatten wir, anders als Pink Floyd damals keinen Produzenten und keinen Manager.
Welche Message wolltet ihr eurem Publikum übermitteln?
Józef Skrzek: Das war in erster Linie "Young Power", verbunden mit der Idee von Frieden und Freiheit und einem dynamischen Sound. Dem gleichaltrigen Publikum damals gefiel diese einfache Art der Offenheit und Ehrlichkeit.
Wie habt ihr damals die Westkontakte hergestellt?
Józef Skrzek: Es war Niemen, der die Verbindung in den Westen hatte. Jack Bruce war es dann, der uns zu einem Vertrag mit CBS verhalf. Unsere ersten beiden Aufnahmen im Westen waren mit Niemen, dann brachten wir die ersten beiden SBB-Alben im Westen heraus. Das waren Follow my Dream und Welcome.
Wie begann eure Kooperation mit Czes³aw Niemen?
Józef Skrzek: Wir trafen Czes³aw Ende 1971, als sich unser Trio gerade in einem schlechten Zustand befand. Czes³aw lud mich damals ein, in seinem Musikprojekt Bassgitarre und Hammond Orgel zu spielen. Ich zog es jedoch vor, weiterhin mit meinen Freunden der Silesian Blues Band zu spielen. Anfang 1972 kam es dann zur Zusammenarbeit unter dem Namen Grupa Niemen. Das war eine tolle Zeit. Wir traten überall in Europa auf, beispielsweise auch auf dem Festival "Jazz and Rock Now" in München, zusammen mit dem Mahovishnu Orchestra. Dann nahmen wir mit ihm zusammen unsere ersten LPs, Strange is this world und Ode to Venus in den Münchner Musicland Studios auf. Es war großartig mit Czes³aw zu arbeiten.
Warum dauerte eure Zusammenarbeit nur anderthalb Jahre?
Józef Skrzek: Nach anderthalb Jahren versuchten die Plattenproduzenten unsere Freundschaft mit Czes³aw auf eine neue Grundlage zu stellen. Das brachte alles durcheinander. Auf der Bühne waren wir weiterhin Freunde, aber darüber hinaus entwickelte sich vieles zum Negativen und konnte schlicht als Mist bezeichnet werden. Das tat uns sehr Leid. Trotzdem trafen wir uns weiterhin mit Czes³aw und versuchten manchmal, miteinander zu spielen.
Konntet ihr seinerzeit frei spielen und experimentieren oder gab es irgendwelche Restriktionen seitens der polnischen Behörden?
Józef Skrzek: Unsere Musik war damals ein Schock. Die offiziellen Agenturen begannen unsere Musik erst zu akzeptieren, als wir im Westen erfolgreich waren. Andererseits hatten wir an der Grenze viele Probleme mit unserer Anlage. Ich hatte noch Probleme mit meinen Pass. Und dann waren da unsere langen Haare, die ebenfalls Probleme bereiteten. Unsere Konzerte waren immer eine große Demonstration von Freiheit und Frieden. Wir durften nicht in der Sowjetunion auftreten. Doch das Publikum mochte uns auch dort.
Ihr hattet sowohl in Westdeutschland als auch in der DDR Alben herausgebracht. Gab es unterschiedliche Erwartungshaltungen in den beiden deutschen Staaten, was das Publikum oder Plattenaufnahmen anbetraf?
Józef Skrzek: Was die Menschen in Ost und West anbetraf, konnten wir keine Unterschiede erkennen. Unsere Musik gefiel den jungen Soldaten in der Nationalen Volksarmee der DDR genauso wie dem Publikum wie im Westberliner Kant Kino. Es gab auf Grund der unterschiedlichen Denkweise schon einige Probleme. In den östlichen Ländern setzten die Regierenden einige Limits. Im Westen war es hingegen ganz anders. Es ging in erster Linie ums Business. In Sachen Aufnahmen arbeiteten wir auf beiden Seiten mit Profis, sowohl in den Studios des Rundfunks der DDR als auch im Aufnahmestudio Musicland in München. Es fiel uns damals auf, dass die Berliner Mauer die Menschen dazu veranlasste, stärker zusammen zu halten, als das heute der Fall ist. Heute hat sich nun glücklicherweise vieles verändert.
Es entstand oft der Eindruck, dass die polnische Musik sehr westorientiert war. Gab es eine typische polnische Rockmusik?
Józef Skrzek: Slowenische Mädchen ... ist meine Antwort zu diesem Thema! Alle Produzenten weltweit waren an SBB mit ihrem dynamischen Symphonie Rock mit ihrem romantischen slowenischen Songs interessiert. Schon aus diesem Grund war es etwas Originelles.
Habt ihr mit anderen polnischen Bands kooperiert?
Józef Skrzek: Wir spielten mit vielen Bands, zum Beispiel mit Tomasz Stanko, Tomasz Szukalski, Krzysztof Scierañski, D¿amble, Skaldowie, TSA, Perfect, Krzak.
Etwa sechs Jahre nach eurer Gründung entstand in Polen eine Punk und New Wave Szene. Hatte das Einfluss auf eure Musik oder veränderte es nachhaltig die polnische Musikszene?
Józef Skrzek: Es bedeutete tatsächlich eine Veränderung auf der polnischen Musikbühne. Es hatte durchaus einen gewissen Einfluss auf unsere Arbeit. Wir fühlten sehr wohl, dass gerade Musik sehr anfällig für Veränderungen in der Kunstszene ist. Wir hielten unseren Stil bei und waren weiterhin kreativ.
Wo würdet ihr euch heute musikalisch platzieren?
Józef Skrzek: Mein persönlicher Platz ist im Bereich der Kunst ist der der Farben, musikalisch das All zu durchqueren. Ich denke außerdem an Planetarien, Berge, Kirchenorgel, originale Symphonieklänge und Stimmen... Ich fühle mich wie im Fluge.
Was sind eure Pläne für die Zukunft?
Józef Skrzek: Wir werden viele Konzerte in Europa und den USA geben und weitere Aufnahmen machen.
Apostolis Antymos: Wir machen weiter bis zum Schluss.
Du bist seit 2006 neuer Schlagzeuger bei SBB. Vorher spieltest du in deiner ungarischen Heimat u.a. bei so berühmten Bands wie Skorpió, Beatrice, Dinamit, Bikini und bist nach wie vor Drummer bei P.Mobil. Bringst du musikalische ungarische Elemente bei SBB mit ein?
Gábor Németh: Ich denke nicht, dass ich typisch ungarische Elemente mit einbringe. Doch habe ich ganz gewiss einen persönlichen Einfluss. Jeder Song wird sich anders anhören, wenn es personelle Änderungen in einer Dreimannband wie SBB gibt. Ich denke, SBBs Musikstil ist nun ein bisschen härter und dynamischer. Wenn wir zusammen spielen, kann man improvisierte Parts, die immer wieder und wieder vorkommen, gar nicht als improvisiert erkennen. Wir haben uns musikalisch gut aneinander angepasst. Wir sind die selbe Generation, stammen aus der selben Region und haben den gleichen Musikgeschmack.
Ist SBB denn überhaupt noch eine polnische Band?
Gábor Németh: In musikalischer Hinsicht ist SBB eine internationale Band. Auf der anderen Seite würde ich eher sagen, SBB ist eine ungarisch, polnisch, griechische - europäische Band (Anmerkung: Apostolis ist griechischer Herkunft).
JIMMY JAZZ RECORDS
Zu Besuch bei dem Szczeciner Plattenlabel
Unweit des Einkaufzentrums Turzyn im polnischen Szczecin (Stettin) in einem alten Industriegebäude sitzt Zdzislaw Jodko, Chef des alternativen Plattenlabels Jimmy Jazz Records, in seinem Büro und bereitet die Herausgabe des neuen Albums der bekannten polnischen Punkband THE ANALOGS vor.
An den Wänden hängen Poster von etlichen Punk- und Ska-Konzerten, die er selbst organisiert hat. Die Regale sind voll mit CDs aus eigener Produktion und ausländischen Undergroundlabels sowie mit Buttons und T-Shirts. Das Büro sieht aus wie eine Mischung aus Vertrieb, Lager, Redaktion und Designerbüro. Dort entstehen Ideen, Entwürfe für Poster, CDs, CD-Cover, druckreife Magazinbeiträge, wird das Internetportal aktualisiert, werden CDs verschickt. Rund 15 Alben der Stilrichtungen Punk, Ska, Psycho, Reggae, Hardcore, Oi! und Rockabilly, von meist polnischen Bands, produziert er pro Jahr.
Stolz präsentiert der 44-Jährige, auch Dzidek genannt, die letzten Ausgaben seines in der Szene beliebten Musikmagazins Garaz. Auf über 80 Seiten informiert es über Konzerte, Bands und Neuerscheinungen der polnischen und internationalen alternativen Musikszene. In Kürze erscheint unter seiner Federführung ein weiteres Magazin namens Reggaebeat, dem ebenso wie dem Garaz eine Promo-CD-Compilation beigefügt sein wird und das viermal jährlich auf den Markt kommt. Die Beiträge werden von ihm, seiner Schwester, seiner Freundin, einem Freund aus Karlsruhe, der von dort über das westeuropäische Musikgeschehen berichtet, sowie von den Musikern der Bands, die bei ihm unter Vertrag stehen, selbst geschrieben. Alle, die dazu gehören, müssen ran.
Nach der Wende gab es einen regelrechten Boom kleiner Plattenlabels und Szeneläden in Polen. "Viele existieren heute nicht mehr", berichtet er. Sein Label, 1989 gleich nach dem Studium noch unter dem Namen Rock'n'Roller gegründet, war eines der ersten auf dem polnischen Markt. Da hat er beispielsweise eigene Konzertmitschnitte von Punkbands von vor der Wende zusammengestellt und auf Tonträger gepresst. Viele neue Bands brachte er im Laufe der Jahre zuerst auf Kassette, später auf CD in die Läden und auch auf die Bühne.
Ein anderes alternatives Label der damaligen Zeit, Isabellin, wurde längst von einem der "Großen" geschluckt. "Die Leute haben kein Geld", bedauert der studierte Wirtschaftswissenschaftler. Andererseits werden die CDs massenweise kopiert. Doch mit seiner gut durchdachten und bewährten "Marketingstrategie", einem guten Gespür für Trends sowie der Mitarbeit aller sichert er auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten das Überleben seines kleinen, aber anspruchsvollen Unternehmens. Die Aufnahmen und das Abmischen macht Dzidek ebenfalls selbst.
Schließlich verweist er noch auf das Internetradio Jimmy Jazz Radio (ulicznik.net) mit seinem umfangreichen Angebot, in dem unter anderem auch die Bands von Jimmy Jazz zu hören sind. In einigen deutschen Szeneläden sind seine CDs ebenfalls erhältlich. Doch ist es schwer, im Ausland Fuß zu fassen: "Das Verschicken ins Ausland ist teuer und bürokratisch".
Andererseits wird aber der polnische Markt mit angloamerikanischen CDs überschwemmt. Ebenso übernimmt er den Vertrieb von CDs alternativer Labels aus Spanien, Italien, Deutschland und Großbritannien beziehungsweise produziert deren Titel in Polen unter Lizenz.
Natürlich bedarf es auch einiger musikalischer Zugpferde, um wirtschaftlich zu überleben. Das sind die bereits erwähnten THE ANALOGS, einer Stettiner Band mit Auftritten im In- und Ausland, die auf einen gemeinsamen Gig mit der kanadischen Punkband D.O.A. zurückblicken kann, plus der ebenfalls populären und erfolgreichen Rockabilly-Band KOMETY.
Es gibt auch politische Grundsätze: Veröffentlicht wird nur, was keinen rechten oder autoritären Hintergrund hat oder das Vorwendesystem verherrlicht. Oft tauchen auf den Covern seiner Bands anarchistische oder Anti-Nazisymbole auf. Woher der Name Jimmy Jazz stammt? Natürlich von dem gleichnamigen Lied der ehemaligen britischen Band CLASH, klärt Dzidek auf.
Die polnische alternative Musikszene kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Eine der ersten polnischen Punkbands, KSU, bereits 1977 gegründet, existiert noch immer. Die meisten Formationen erblickten Anfang der achtziger Jahre das Licht der den Normalbürger schockierenden Punkwelt. Sie starteten die "Rebellion gegen das Graue", wovon sich jedoch die meisten Landsleute eher abgestoßen fühlten. Die Regierung ging zunächst mit Härte gegen dieses subkulturelle Netzwerk aus weit reichenden Kontakten im In- und Ausland, Fanzines, Punkbands und Studentengruppen vor. Da sich die Subkultur trotzdem verbreitete und sich steigender Beliebtheit erfreute, begannen allmählich auch polnische Radiosender sich noch lange vor der Wende der einheimischen Punkmusik anzunehmen. Die Toleranzgrenze gegenüber der Subkultur war im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern verhältnismäßig groß. So konnten sie offen auftreten und bekamen teilweise sogar Plattenverträge. Dass der Toleranz jedoch Grenzen gesetzt waren, musste die Punkrockband SS-20 (damalige nukleare sowjetische Mittelstreckenrakete) erleben. Der Druck, diesen Namen aufzugeben, war groß. In DEZERTER (Deserteure) umgetauft, gab es merkwürdigerweise keine Probleme mehr. Übrigens existieren DEZERTER und weitere Bands aus der Vorwendezeit nach wie vor und sind auch in Deutschland keine Unbekannten. THE ANALOGS bereitet für 2007 eine Tournee durch mehrere europäische Länder vor.
Volker Voss
Erschienen in: Ox-Fanzine, Februar/März 2007)
PANKOW
Wetten, sie wollen?
Der Anlass für die anstehende Konzerttour lässt sich in kurze Worte fassen: "Wenn wir Lust haben und sich die Gelegenheit ergibt, spielen wir alle paar Jahre mal ´ne Tour, beschreibt Gründungsmitglied Jürgen Ehle ganz locker die Situation. "Die Band als ständige Einrichtung, die immer zur Verfügung steht, wird es aber nicht mehr geben. Das ist auch deshalb nicht mehr möglich, weil wir alle in unseren Soloprojekten eingespannt sind." Jedenfalls ist es wieder soweit. Pankow steht zur Verfügung und los geht`s im neuen Jahr mit der nächsten Konzerreihe: Das Auftaktkonzert steigt am 16. Januar 2009 in Schwedt. Die Berliner müssen sich ein bisschen gedulden. Ende März ist der Abschlussauftritt im Berliner Postbahnhof.
Die Überraschung: Es ist ein bekannter Gastmusiker mit von der Partie. Da Keyboarder Kulle Dzuik, seit 1996 Bandmitglied, am Theater in Ingolstadt als musikalischer Direktor dermaßen eingespannt ist, dass für eine Tournee einfach keine Zeit bleibt, wird Ritchie Barton von Silly für ihn einspringen und an seiner Stelle das Tasteninstrument bedienen. Das lässt sich zwar so einfach sagen, aber Ritchie wiederum hat ein enormes Pensum zu bewältigen. "Für ihn sind alle Songs neu. Er hat sie alle noch nicht gespielt", merkt Jürgen an. Des weiteren stehen Stefan Dohanetz, Jürgen Ehle, Jäcki Reznicek und André Herzberg auf der Bühne.
Ein neues Album ist erst mal nicht zu erwarten. "Das letzte Album ist doch erst zwei Jahre her", erinnert Jürgen alle ungeduldigen Fans. Aber schon mal vorsichtig herantastend: "Es ist überhaupt nicht gesagt, dass es nicht bald wieder eins gibt." Doch warten wir`s ab: "Für eine neue Scheibe muss erst mal Material her". An Ideen mangelt es ganz sicher nicht: "Es ist aber nicht einfach, alle fünf Leute zusammen zu bringen." Wichtig ist aber: "Es soll weitergehen."
Jetzt stehen erst mal die geplanten 16 Auftritte an, deren erste Vorbereitungen bereits nach der letzten Konzertreihe 2006 begannen. Im Laufe der Zeit wurde alles ein bisschen konkreter, dann haben sich bestimmte Pläne wieder zerschlagen. Es geht ja auch um die Finanzierung. "Wir wollten diesmal eigentlich in größerer Besetzung unterwegs sein. Das hätte aber den Rahmen gesprengt", bedauert er. Nicht immer stehen Sponsoren Schlange. Doch gibt es bereits für die Zeit nach der Tour erste Anfragen.
Auch wenn es kein neues musikalisches Material gibt, "wissen doch die Leute, die uns schon lange kennen, was sie erwarten können": "Älteres Material wird immer wieder verändert", erinnert Jürgen. "Wir versuchen es immer frisch zu halten, so dass nichts in Routine erstarrt. Wir versuchen auch immer etwas ins Programm aufzunehmen, das länger nicht gespielt wurde. Das wird diesmal auch wieder so sein. Sachen, die man lange, lange nicht gehört hat, z.B. alte Stücke aus der Anfangszeit aus ´Kille, Kille` beispielsweise, werden gespielt." Jedenfalls kommen die fünf Musiker schon regelmäßig zusammen, um zu üben.
Fast zwanzig Jahre nach der Wende dann doch mal die Frage gestellt, ob Pankow sich noch als Ostband definieren würde. Immerhin tritt die Band diesmal nur in den neuen Bundesländern auf: "Es ist eher so, dass wir keine Lust haben, in so eine Nostalgie zu verfallen oder überhaupt in diese Ecke geschoben zu werden. Vom Selbstverständnis her haben wir uns nie als Ostband verstanden. Wir waren schließlich auch international unterwegs: In Dänemark, Finnland, Schweiz, Holland, Österreich, Polen und der Sowjetunion und hatten auch vor der Wende oft in Westdeutschland gespielt." Ebenso waren ihre Alben in Ost und West erhältlich. Allerdings: "Ob wir das wollen oder nicht, wir werden immer sehr stark mit der DDR verbunden", hebt Jürgen die Wiedersprüche um die Band hervor. Tatsache ist auch: "Die Zeiten haben sich geändert, es ist heute alles eine Sache von Angebot und Nachfrage."
Pankow gehörte nicht gerade zu den unkritischen Bands in der DDR. "Man konnte in der DDR mit ein paar Sätzen unheimlich viel auslösen, weil auch die Empfindlichkeit von staatlicher Seite vorhanden war. Das ist heute nicht mehr so." Doch stellt er klar: "Unter den veränderten Bedingungen haben die Songs oft eine neue Bedeutung bekommen, sind dadurch nicht flacher oder gar unbedeutend geworden." Doch was sich verändert hat: "Wir haben freien Journalismus und Meinungsfreiheit. Bestimmte Themen, zu denen wir früher der Meinung waren, jetzt muss man einen Song dazu machen, werden heute anders verarbeitet. Das findet heutzutage in den Medien statt", hat Jürgen Ehle beobachtet.
Pankow entstand zu einer Zeit, als im Westen der Punk und New Wave seinen Durchbruch hatte und auch in den Osten rüberschwappte. Auch ließ sich die Band, die sich nach dem Ostberliner Bezirk Pankow benannte, von der Musik dieser Zeit beeinflussen. Für sie waren beispielsweise Spliff, Ideal, Nina Hagen und Joe Jackson Bands, an denen sie sich orientierten. "Es war dieses Raue, etwas Dreckige, Skurrile und Abgehobene, was es im New Wave auch gab, wovon wir uns gern haben beeinflussen lassen". Die Anfangszeit war alles andere als einfach: "Es ging los ohne größere Werbung, ohne Plakate ohne irgendwas, nur mit Mund zu Mund-Propaganda. Das Fernsehen hat sich auch jahrelang schwer getan, uns überhaupt auftreten zu lassen. Der Rundfunk hatte uns ein bisschen geholfen", erinnert er sich. Trotzdem gehörte Pankow bald zu den Topbands.
Es gab mit der Zeit Veränderungen. Auch die Wende hinterließ ihre Spuren. Man orientierte sich später wieder mehr an den musikalischen Idealen aus der frühen Jugendzeit in den Sechzigern, also back to the roots. Das waren dann eher die Stones, Beatles, The Who oder The Kings, die als musikalische Vorlage galten. Wurde früher noch der Anspruch erhoben, eine New Wave-Band zu sein, nennt man sich heute schlicht Rockband oder Rhythmen Blues Band zu. "Deutschrock würde ich nicht sagen", fügt er hinzu. Doch die Bezeichnung "energische Powerband" trifft auf jeden Fall noch zu, weil die Kraft von früher nicht nachgelassen hat. "Es ist uns enorm wichtig, dass die Kraft und dieser Biss, den wir schon einst ausstrahlten, weiterhin spürbar ist. Das ist uns einfach ein Bedürfnis."
Text: Volker Voss
Foto: Holger Jarosch