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Deutsche Seite
Volker Voss
Es gibt so viele gute Bands in Polen, die dem deutschen Publikum bislang überhaupt nicht bekannt sind. Um den deutschen Musikfans die polnische Rockszene näher zu bringen und den im Ausland lebenden Polen Infos über ihre heimatliche Musikszene zu geben, stellen wir auf dieser Seite regelmäßig Gruppen aus dem Nachbarland in deutscher Sprache vor. Dabei legen wir insbesondere Wert darauf, die ganze Vielfalt der polnischen Rocklandschaft aufzuzeigen. Natürlich haben wir mit Freude festgestellt, dass es trotz der allgemeinen Unterbelichtung der osteuropäischen Musik im Westen jedoch einzelne polnische Gruppen gibt, die bereits bei deutschen Labels unter Vertrag stehen. Die von polnischen Labels herausgegebenen Alben haben es meist immer noch schwer, in die Regale deutscher Plattenläden zu kommen. Wir wollen einfach einen Beitrag dazu leisten, dies in der Zukunft zu ändern und die Idee des gemeinsamen Europas endlich auch in der Rockszene Realität werden zu lassen. Es sei noch darauf verwiesen, dass auch www.rockradio.de sich unter anderem darauf spezialisiert hat, osteuropäische Musik regelmäßig zu spielen. So manch eine polnische Band wurde dort schon vorgestellt. Hinzu kommt unter den Rubriken "Archiv Material" und "Europ. Musikszene" ein kleiner Streifzug durch andere (Ost)Europäische Länder.
Volker Voss, Musikjournalist mit Schwerpunkt Osteuropa.
MADE IN POLAND
Als sehr experimentierfreudig hat sich die Band MADE IN POLAND erwiesen, deren Herkunft sich auf Grund des Namens leicht erraten lässt. Sie gehört heute zu den einflussreichsten Cold Wave Bands in Osteuropa. Das neue Album integriert stilistisch Elemente des Psychedelic und Spacerock sowie harte Rockklänge mit stark dominierendem Gitarreneinsatz als auch längere elektronische Abschnitte, die extrem melancholisch durchsetzt sind. Stellenweise erinnern sie an Joy Devision. Es wird Polnisch und Englisch gesungen. Ihre musikalische Karriere ist sehr durchwachsen. 1984 in Krakow gegründet, lösten sie anfangs enthusiastische Jubelstürme aus, ihre erste Single war ein Renner, ihr erstes Debüt-Album im Jahre 1987 eher ein Flop, so dass sie sich kurzerhand auflösten. In den 90ern reaktiviert, traten sie wieder auf großen Festivals, aber auch als Vorband zu The Stranglers auf und produzieren wieder anspruchsvolle Songs. (vov)
Fazit: Irgendwie verdammt schräg und recht düster.
OSADA VIDA
Sich selbst in den Schatten gestellt OSADA VIDA experimentieren mit Sound und Technik
Bei der Erstellung ihres neuen Albums “Uninvited Dreams“ hat die polnische Rockband Osada Vida keine Mühe gescheut, sich letztendlich selbst übertroffen und ihre beiden, bereits mit Lob ausgezeichneten Erstlinge, in den Schatten gestellt. Es wurde nicht an Einfallsreichtum gegeizt. Das Resultat lässt sich hören und bietet ein stilistisch abwechslungsreiches Album mit so unterschiedlichen Stilformen wie Symphonic Progrock, Neo-Prog, Prog-Metal, Alternative Rock und Metal. Die musikalischen Wurzeln liegen hörbar bei Yes und Porcupine Tree. „Als wir die Arbeit für das neue Album aufnahmen, war Konsens: Es wird keine Kompromisse geben“, beschreibt Keyboarder Rafal Paluszek die Entstehungsgeschichte. „Dabei hatten wir noch gar keine Vorstellung, wie das neue Album heißen soll, wie viel Aufwand wir investieren werden oder wie das Cover aussehen wird. Wir waren aber sicher, dieses Album wird viele Überraschungen zu bieten haben.“ Schon die ersten Schritte glichen dem Betreten von Neuland: „Wir waren bei der Vorbereitung und Zusammenstellung selbst überrascht, wie breit gefächert und vielfältig die neue Musik sein wird.“ So lag dann auch besonderes Gewicht beim Abmischen im Studio, das wiederum ein besonders hohes Maß an Professionalität erforderte, die powervollsten Parts besonders hervorzuheben und ebenso den Feinheiten der atmosphärischen Momente entsprechend Raum zu geben. „Dieses Album hat den besten Sound, den wir je produzierten.“
Fazit: Rockmusik mit Feingefühl und experimentellen Überraschungen
Volker Voss
AFTER BLUES
AFTER BLUES experimentieren mit dem Bluesrock
Die berühmte polnische Bluesband AFTER BLUES hat kürzlich eine neue Scheibe, Zobacz jak pieknie herausgebracht, die das gesamte Spektrum des Genres Blues absteckt und noch weit darüber hinaus geht. Die Musiker verbinden den Blues auf geschickte Weise mit anderen Stilrichtungen der modernen und traditionellen Rockmusik, der letzten 50 Jahre. Stellenweise könnte man sogar auf die Idee kommen, diese Musik ist eher in Anlehnung an den Blues geschaffen, weil sie den Blues stellenweise derart abwandeln, ja entfremden, aber dann doch wieder auf den guten alten Blues zurückkommen.
Der Name der Band deutet bereits auf die ungezügelte Experimentierfreudigkeit und die Tatsache hin, dass man sich auf Überraschungen gefasst machen kann: AFTER BLUES – Also was kommt danach? Wollen sie den Blues neu erfinden? Da finden sich popige Elemente, stellenweise ProgRock, ein Schuss traditioneller Blues wie ihn die Klassiker schon präsentierten und noch dazu Beatklänge wie in den Sechzigern. Verträumte Parts werden durch schwungvolle abgelöst. Selbst einige Reggaetakte haben sich dazwischen gemischt.
Die neue CD ist der berühmten polnischen Sängerin Mira Kubasiñska gewidmet, die 2005 61-jährig verstarb. Sie gründete in den sechziger Jahren die Bluesrockgruppen Blackout und Breakout.
Eigentlich machen After Blues nichts anderes, was vor ihnen viele andere Bands in ihrer Heimat bereits seit Jahrzehnten erfolgreich tun, nämlich musikalisch bis an die Grenze des Machbaren zu experimentieren, unabhängig davon welchem Genre sie sich zuordnen. Gerade die polnischen Musiker werden für ihre Experimentierfreudigkeit unter Musikkennern weltweit geschätzt.
Diese anspruchsvolle CD sollte man in aller Ruhe genießen. Als Hintergrundsound oder reine Partyscheibe ist sie weniger geeignet. Bei diversen Suchmaschinen wird AFTER BLUES gleich neben Ten Years After und Crosby, Stills, Nash aufgelistet.
Volker Voss
KROKE
Nachdenklich und schwungvoll KROKE setzen ihre musikalische Tradition fort
Mit ihrem neuen Album „Out of Sight“ sind Kroke sich treu geblieben, bringen wieder ungebrochene Kreativität hervor und schöpfen aus den traditionellen Wurzeln der jiddischen Folklore. Was außer Sicht ist, machen sie hörbar. Es sind die vertrauten Klänge von Kroke: oft sehr melancholisch, dann wieder mit Schwung. Nach dem schwungsvollen Aufbäumen, wieder die Ruhe. Es ist ein Wechsel zwischen Traurigkeit und Temperament, lädt zum Nachdenken ein und offenbart sich als musikalische Reise durch die eigene, jüdische Geschichte, die Odyssee aus Galizien. Es ist die Erinnerung an das Leben in der alten Heimat ihrer Vorfahren. Etwas ist verloren gegangen. Was bleibt ist die traurige Erinnerung. Kroke ist die jüdische Übersetzung für Krakau. Dort haben Jerzy Bawo³ (Akkordeon), Tomasz Kukurba (Viola) and Tomasz Lato (Kontrabass) 1992 gegründet, spielten zunächst nur in Clubs und Galerien in Kazimierz, einem ehemaligen jüdischen Bezirk in Krakau. Zu ihrer tief in der jüdischen Tradition verwurzelten Musik kamen Elemente der Balkanmusik, des Jazz, der Weltmusik sowie orientalischer und indischer Klänge hinzu. Schnell erlangten sie internationale Anerkennung und Ruhm, wurden namhafte Persönlichkeiten der Musik- und Filmbranche wie Steven Spielberg, Peter Gabriel, Nigel Kennedy, Edyta Geppert auf sie aufmerksam. Mit ihnen kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit. Im November gehen sie auf Deutschland-Tour.
Fazit: „Out of Sight“ ist die Fortsetzung ihres bisherigen musikalischen Werkes. Liebhaber des Klezmer und der jiddischen Folklore werden hier ein gut konzipiertes Album vorfinden, in dem die Gruppe auffällig mit verschiedenen Stilrichtungen experimentiert und diese geschickt in ihr Repertoire integriert. Fünf Noten
Text: Volker Voss
LESZEK CICHONSKI
LESZEK CICHONSKI
"Thanks Jimi" - Leszek Cichoñski lässt das alte Rockidol wieder aufleben
Geht es in Polen um das musikalische Andenken von Jimi Hendrix, ist Leszek Cichoñski
aus Wroclaw der wohl beste Ansprechpartner. Seit 2003 organisiert er das jährliche Jimi Hendrix Festival. Dieses Jahr erreichte das Event mit über 6300 registrierten Teilnehmern seinen absoluten Höhepunkt. Die mit Gitarre oder Bass angereisten Musiker aus vielen Ländern, unter ihnen auch Steve Morse von Deep Purple, verwandelten den altstädtischen Marktplatz von Wroc³aw mit den Songs ihres Idols in ein Mammutkonzertevent. „Das ist wohl das größte Gitarrenkonzert überhaupt“, erzählt er stolz und verweist auf seine Einträge ins Guiness Buch der Rekorde. Zeitgleich griffen auch Musiker in Schweden, Ungarn, Australien und dem amerikanischen Detroit zu Jimis Ehren zur Gitarre.
Mit der mehrmaligen Auszeichnung bester polnischer Blues- und Rockgitarrist, die Auszeichnung bestes „polnischen Blues Album“ für seine 2001 erschienende CD und seine vom Fernsehen übertragenden Gitarrenworkshops und weiteren Preisen hat er sich weit über die Landesgrenzen einen Namen in der Rangliste der international führenden Gitarristen gemacht. Aufgetreten ist er weltweit auf vielen Blues- und Jazzfestivals. Auf seiner neuen CD plus DVD „The Best of Studio & Live” befinden sich sowohl Neuinterpretationen alter Jimi Hendrix-Songs als auch eigene Stücke. „Ich habe die Songs immer wieder neu geschrieben und neu eingespielt“, verrät er. Einige Songs sind bereits so sehr abgewandelt, dass das Original nicht immer auf Anhieb zu erkennen ist. Es handelt sich um regelrechte Neuinterpretationen alter Lieder wie „Hey Joe“, Voodoo Child oder „Foxy Lady“.
Stressig ist der Job allerdings. „Ich beabsichtige mein Leben zu verändern“, sagt er. „Ich arbeite zu sehr als mein persönlicher Manager. Ich werde in Zukunft nur noch 30 % als Manager arbeiten und 70 % als Musiker“. Nun beginnen die Vorbereitungen für das nächste Jimi Hendrix-Festival am 1. Mai 2010. „Ich werde eine Agentur gründen und Mitarbeiter einstellen, die mir einen Teil der Arbeit abnehmen werden“. Außerdem muss für den musikalischen Nachwuchs gesorgt werden: „Ich veranstalte jedes Jahr im Sommer einen Gitarrenseminar zu dem etwa 50-70 Leute kommen“. Der 51-Jährige spielt seit seinem 12. Lebensjahr Gitarre. In der polnischen Stadt Kielce wurde 2006 eine Büste zu Ehren von Jimi Hendrix aufgestellt.
Text: Volker Voss
ALEK MROZEK
Besser als gestern - Alek Mro¿ek feiert 40-jähriges Bühnenjubiläum
„Ich fühle mich prima, verspüre kein bisschen Rockmüdigkeit“ sagt Alek Mro¿ek, berühmter polnischer Blues- und Rockgitarrist, zu seinem 40-jährigen Bühnenjubiläum. Insgesamt 20 Platten spielte er ein – solo bzw. mit bekannten Bands. „Ich bringe gerade eine neue Soloscheibe auf den Markt“. Richtungweisend ist schon der Titel: „Lepiej ni¿ wczoraj“ (Besser als gestern), eine Mischung aus ruhigen Bluesstücken und kompromisslosem Powerblues mit knallharten Gitarrenriffs. Die Idee zum Titel? „Ja, sicher bin ich auch noch besser geworden“, erzählt er selbstbewusst.
Die Texte, die er alle selbst schrieb, gesungen von Gene Loska, sind sehr poetisch, handeln ein bisschen von Liebe, aber auf keinen Fall von Politik, beschreibt er sein Werk, für das er sich zwei Jahre Zeit gelassen hat.
Vielfältig ist sein musikalisches Schaffen. In den letzten Jahren produzierte er u.a. eine Rockopera und Filmmusik. Er spielte bei so bekannten Bands wie Dwa Plus Jeden (Zwei plus Eins) und Recydywa und Nurt mit. In den 70er Jahren arrangierte er in Berlin (DDR) ein Album für Nina Hagen, ihre letzte in der DDR aufgenommene Platte, bevor sie in den Westen übersiedelte. Dann kommt er ins Schwärmen: „Meine große Zeit war Anfang der 80er Jahre mit der Porter Band.“ Das war eine sehr erfolgreiche britisch-polnische Rockband. Auf den ersten beiden Alben wirkte er ebenfalls als Gitarrist mit. Bereits das erste Album 1980, „Helikopter“, war mit einer Million verkaufter Exemplare eine Riesenerfolgsnummer.
Als Jugendlicher begann er einst mit den Songs seines Rockidols, Jimi Hendrix, die er alle in- und auswendig kannte und perfekt nachspielte. „Ich bin ein großer Fan von ihm, habe ihn 1969 in Woodstock live auf der Bühne gesehen“, erzählt der heute 59-Jährige stolz. Seinem Idol weiterhin auf der Spur: Vor einem Jahr besuchte er in London das erste Aufnahmestudio von Jimi Hendrix, wo er 1967 seinen ersten Hit, „Hey Joe“, zu Vinyl brachte.
Text : Volker Voss
LOMBARD
Von den Beatles und Stones inspiriert
Die polnische Band Lombard übermittelt Botschaften
Nach langer Pause standen Lombard aus Poznan am 24. April im Postbahnhof wieder auf einer Berliner Bühne und präsentierten viele Songs aus alten Zeiten. Die Stimmung war gut, das Publikum tanzte ausgiebig und genoss den Auftritt. Im Gespräch vor dem Konzert erzählten die Bandmitglieder einiges über ihr musikalisches und politisches Engagement.
Eigentlich kommt der Begriff Lombard aus der Finanzwirtschaft. „Anfänglich habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht“, sagt Bandleader Grzegorz Stró¿niak. „Als ich dann mal über den tieferen Sinn nachdachte, kam ich darauf, dass es tatsächlich um die finanzielle Sparte geht. Wenn man fast nichts mehr hat, aber noch etwas von Wert besitzt, kann man in ein Lombard (Pfandhaus) gehen und es verpfänden. Manchmal kann man es zurückkaufen, manchmal nicht. Irgendwie passt das zu unserer Idee.“ Seit 1983 steht die Band auf der internationalen Bühne diesseits und jenseits des Atlantiks. Wobei das nicht immer einfach war: „Ihr wollt zum Auftritt nach Italien fahren, aber nicht auf dem Festival des sowjetischen Liedes spielen“, lautete der Vorwurf, erinnert sich Keyboarder Grzegorz. Und weg waren die Pässe. „Wir mussten seinerzeit für einige Konzerte die Texte vorlegen, dann wurde entschieden, ob wir spielen dürfen. Es war die Angst der Regierung davor, was man mit Worten und Musik ausdrücken kann. Wir hatten gute Songschreiber, die uns geschickt schöne Texte und mit gut verpackten Botschaften schrieben“, erzählt er rückblickend. Was ihnen im Westen auffiel: „Da kamen viele Freaks, die mehr Interesse hatten an dem Unbekannten von hinter der Mauer, weniger für die künstlerische Darbietung.“ „Wir spielen keinen Hardrock, keinen Pop, sondern unsere eigene Musik. Wir sind keine Modeband, mögen keine Bands, die nur kommerziell ausgerichtet sind. In unsere Musik fließen viele verschiedene Stile ein. Bei den Beatles hat mich das Harmonische, bei den Stones das Rockige inspiriert“, erläutert er. Raus zu hören sind Elemente des Progrocks.
Die neue DVD ist der Solidarnoœæ gewidmet. „Denn Solidarnosc hat viel bewegt.“ Während der Konzerte läuft im Hintergrund ein Film mit Bildern aus der Zeit des Kriegsrechts: Demonstrationen, Wasserwerfer, Tränengas. Es gab viele Umbesetzungen. Politologiestudentin Marta Cugier ist seit 10 Jahren die Sängerin. „Ich habe in Bands verschiedener Musikrichtungen gesungen. Die Musik von Lombard spricht aus dem Herzen. Obwohl ich erst 30 Jahre bin, sind wir ein gutes Team. Ich schreibe die Texte, Grzegorz die Musik.“ Lob für das deutsche Publikum: „Die Deutschen sind mit der Musik aufgewachsen und gehen mehr auf sie ein. Die hören nicht nur die promotete Musik, kommen auch zu nicht bekannten Bands, wenn sie eine Botschaft rüberbringen, die sie bewegt. Diese Musikkultur beneiden wir als Polen. Hier sind Musiker angesehener als in Polen.
Text: Volker Voss
RIVERSIDE
Mit ihrem neuen Album haben Riverside aus Polen voll den Nerv der Zeit getroffen. Es ist eine energische Bestandaufnahme der Realität und gut geeignet, mal über unsere aus den Fugen geratenen modernen Zeit nachzudenken: „Dies ist ein Album über Menschen, die manchmal ihrem eigenen Willen zum Trotz vor nichts halt machen dürfen, um ihre Ziele zu erreichen. Es ist ein Album über Chaos, ständigem Kampf, Unsicherheit, Stress und den Versuch zu überleben“, beschreibt es Bandmitglied Mariusz Duda. Die vierköpfige, 2001 gegründete Formation legt mit „Anno Domino High Definition“ eine Scheibe vor, die rockiger ist als die vorigen, bei dem allerdings die schönen Melodien und Eigenschaften beibehalten wurden. Dem Thema entsprechend, haben sie viel Kraft und Energie in das Album gesteckt, die „das hohe Tempo unseres Lebens“ widerspiegelt. Auf exakt 44:44 Minuten präsentieren sie einen Sound, der den Progrock der 70er mit modernen Klängen kombiniert – also immer auf der Höhe der Zeit. (vov)
BANK
An Selbstbewusstsein mangelte es der polnischen Rockband Bank nie. Ihr erstes Album 1981 trug dann auch den Titel „Jestem panem swiata“ (Ich bin der Herrscher der Welt). Was sie auf jeden Fall beherrschten waren die Charts und Bühnen des Landes und bald auch darüber hinaus. Um ihrem Namen Bank gerecht zu werden, zierte ihr damaliges Albumcover Geldscheine und ein Schwein. „Was sollten wir machen“, sagen sie. „Schließlich heißen wir doch Bank.“ Die Banknoten waren Dollarscheine, was im Sozialismus recht ungewöhnlich war. „In Polen war das möglich. Alles war ein bisschen offener. Wir haben sowieso alle Richtung Westen geschaut“, geben sie zu. Das Schwein sollte übrigens explodieren. Tatsächlich explodierten dann die Verkaufszahlen. Das Album ging in einer Auflage von fast einer Million über den Ladentisch.
Noch vor ihrem Durchbruch hielten sie sich bereits 1980 ein Jahr in London auf, wo sie ihr musikalisches Können verfeinerten und sich professionelle Instrument kauften. Sie tourten durch die DDR, der Tschechoslowakei und Westberlin. In Polen trugen sie viele Preise nach Hause, produzierten einige unvergessene Hits. Es folgten weitere Alben, Umbesetzungen, eine Auflösung 1994, und wie es sich für eine Band mit Tradition gehört, eine Reunion im Jahr 1999. Also ging es wieder weiter. Schließlich hatte man sich nie zerstritten. Treffpunkt zur Fortsetzung der Musikkarriere waren die Black Woolf Studios in Berlin. Studiochef Reiner Eissing übernahm gleich den Part des Keyboarders. Produziert wurde die Scheibe bei einem polnischen Label - also eine richtig rockige, deutsch-polnische Kooperation. Es folgten wieder Konzerte in Polen und Deutschland, und ihre Songs waren wieder im Radio zu hören, so auch im RBB-Sender radioBerlin 88,8. „Gdzie mieszka czas“ (Wo die Zeit wohnt) titelte 2000 ihr erstes Album nach der Reunion, erhältlich in beiden Ländern und im restlichen Europa. Es folgte ein Best of Bank-Album. Nun saßen die Musiker kürzlich wieder in Berlin zusammen und gaben ihrem neusten Album, „Z³oty py³“ (Goldener Staub) den letzten Schliff. Es ist wieder ein Berliner Album in polnischer Sprache. Wie die Musiker ihr neues Album beschreiben: „Wir sind unserer Tradition treu geblieben, haben aber das Keyboard weggelassen.“ Es ist ein sehr melodischer, aber kompromissloser Gitarrenrock, angesiedelt zwischen „Soft- und Hardrock, ein bisschen kantig“. Konzerttermine demnächst unter: rockinberlin.pl
Myspace.com/bankrockband
Z³oty py³
Text: Volker Voss
Foto: Bank
SBB
Die polnische Rocklegende SBB meldet sich mit einem neuen Album zurück, dessen Titel eher an vergangene Zeiten erinnert: „Iron Curtain“. Nun ist er gefallen, oder nicht? Das lässt sich unterschiedlich interpretieren. Dazu Bandleader Józef Skrzek: „Der Eiserne Vorhang existiert noch, und zwar nicht nur als Grenze zwischen Ost und West, zwischen arm und reich, auch in den Medien“. Dort würden eher Künstler gefördert, die weit entfernt sind von jenen, die ihrer Überzeugung treu blieben und danach lebten.“
Der politisch-philosophische Anspruch ist hoch und kritisch wie ein Spiegel der heutigen Welt. Ihr Sound spiegelt zugleich ihr eigenes Leben als „Barrierebrecher“ wieder. Sie begannen schon früh, dem Eisernen Vorhang seinen einstigen Mythos zu nehmen. Aber: „Der Druck der modernen Welt ist der Grund für die menschliche Vergesslichkeit.“
Das Album ist rockiger als das vorige, die Tracks sind länger und ausgiebiger. Ihre 1970er ProgRock-Wurzeln sind, wie auf allen Alben, klar rauszuhören. Sie sind sich treu geblieben und zeichnen sich wieder durch viel Experimentierfreude aus, haben es jedoch geschafft, eine moderne, zeitgemäße Version des ProgRock zu vertonen. Schließlich hat sich die Band über die Jahrzehnte von Album zu Album weiter entwickelt. Es ist ihr unverkennbarer, zum Markenzeichen gewordener Stil, der mal so aufbrausend und voller Energie daher kommt, dann von ruhigen, teilweise verträumten, auch traurigen Parts abgelöst wird. Daran hat auch der ungarische Drummer Gábor Németh, in seiner Heimat schon bei so berühmten Bands wie Skorpió, LGT und Beatrice den Sound innovativ mitprägend, seinen Anteil.
Schon früh teilten sie, von einst hinter dem Eisernen Vorhang kommend, auf internationalen Festivals mit Musikern wie Bob Marley, Soft Maschine, Thin Lizzy oder Canned Heat die Bühne. Dabei erwiesen sie sich, dem damaligen Zeitgeist entsprechend, als ebenso experimentierfreudig wie ihre ausländischen Kollegen, präsentieren einen Mix aus Jazzrock, klassischer Musik und instrumentaler Ekstase. Dazu gehören die unverkennbaren, eigensinnigen Gitarrensolos von Apostolis Anthimos, die gut mit den geschickten Synthesizer Parts von Józef Skrzek harmonisieren.
Text: Volker Voss
SBB
Iron Curtain
Metal Mind Productions
www.sbb.pl
POLSKA ROOTZ
Erste Reggae-Versuche gab es in einigen osteuropäischen Ländern bereits Anfang der 1980er Jahre, doch nur in Polen formierte sich bereits damals eine unüberhörbare und experimentierfreudig ausgeprägte Szene dieses Genres. Eastblok Music stellt auf "Polska Rootz" 16 moderne polnische Bands vor, die eine vielfältige, vor allem aber außergewöhnliche, zeitgenössische Versionen dieser Stilrichtung präsentieren. Das ist, von Band zu Band unterschiedlich ausgeprägt, ein Soundmix, der Reggae mit Elementen des Rock, Ska, Dub, Elektronica und polnischen Volksmusikklängen verbindet. Es sind "beat-getriebene Bastard-Formen" entstanden, die sich gut einreihen in den "globalisierten Klangkosmos" und sich musikalisch so etwa auf der Strecke Warschau - Kingston bewegen, aber mit vielen Abstechern in neue Musikwelten und Regionen, wodurch dieser Stilrichtung immer neue Klangfarben gegeben werden und zu einer intensiven Weiterentwicklung führten.
Beats, Dubs, Mixes & Future Folk from Poland
Zonic / Eastblok Music
(vov)
WOJTEK SZADKOWSKI
Die gute alte Zeit - Wojtek Szadkowskis musikalische Zeitreise
Als experimentelles Soloprojekt gründete Wojtek Szadkowski 2000 in Polen die Formation Satellite, die sich erst 2005, mit den passenden Musikern, zu einer festen Band entwickelte. Nun liegt das vierte Album "Nostalgia" vor, entstanden in seinem Heimstudio. Geschickt wurde der Sound der 70er und 80er mit dem des 21. Jahrhunderts verschmolzen, der Stil verfeinert und mit atmosphärischen Klängen gewürzt. Kurz: Neo-Progrock vom Feinsten, anspruchsvoll, mit Blick auf Heute und Gestern.
VOV: Dein neues Album drückt Sehnsucht nach den 70er und 80er Jahren aus. Was gefällt dir an dieser Zeit?
W. S: Alles! Die Kreativität, die Melodien, die großartigen Bands, die Hits, die Mode, die langen Progrock-Stücke, die Diskomusik, die Punkrevolution, speziell in den 80ern die plastisch-synthetische Herangehensweise. Ich versuchte diese Welten auf "Nostalgia" zu verbinden. Dabei verarbeite ich auch völlig neue Einstellung und Ideen. Vielleicht werde ich das auf meinem nächsten Album oder einem anderen Projekt noch vertiefen.
VOV: Stichworte zum neuen Album sind: "etwas verändern wollen", "einen neuen Start wagen", "sich von der eigenen Vergangenheit distanzieren". Wie können wir uns verändern?
W.S.: Wir können uns ebenso wenig wie die Vergangenheit ändern. Angenommen, es gebe weder Vergangenheit noch Gegenwart, sondern nur ein Jetzt, so könnten wir unser Leben im Jetzt ändern, wie immer wir es möchten. Sind wir weise, können wir lernen und alles Negative im Jetzt vermeiden und die nächsten Schritte planen. Diese Vorwegnahme ist die Zukunft. Aber das alles existiert nur in unserem Kopf. Die einzige Realität ist im Jetzt, wo wir entscheiden und verändern können. Denn die Vergangenheit und Zukunft sind unerreichbar. Nichts geschieht in der Zukunft, bis zu dem Tag, der zu uns als Gegenwart kommt.
VOV: Kann man mit Musik etwas verändern?
W.S.: Nein, nur die Menschen können etwas ändern. Musik hat aber die Kraft, Menschen zu verbinden. Durch sie kann man besser fühlen und verstehen. Sie kann unsere Einstellung reflektieren und Menschen stimulieren, kann ihnen bewusst machen, dass sie nicht allein sind, sondern Teil von etwas Größerem. Sie kann unser Denken und Handeln auf den richtigen Weg bringen. Sie kann uns zwar nicht ändern, aber Dinge über uns offenbaren, von denen wir bislang nichts wussten.
VOV: Was inspiriert dich, wenn du Songs schreibst?
Ich komponiere Musik nicht im herkömmlichen Sinn, bin kein professionell ausgebildeter Musiker, weiß nicht, wie man Musik schreibt oder liest. Ich weiß nichts über Musiktheorien oder Akkorde. Sie entwickelt sich in meinem Inneren. Musik zu komponieren, ist für mich ein natürlicher Prozess. Ich werde nicht durch Bands oder Musik, die ich höre, beeinflusst. Ich spiele einige Akkorde und singe dazu, und es entsteht ein Song aus dem Blauen heraus. Das ist für mich eine einzigartige und erfrischende Erfahrung.
Text: Volker Voss
Foto: Metal Mind Productions
Satellite
Nostalgia
Metal Mind Productions